Streckenvogel
Dokumentation stillgelegter Eisenbahnstrecken
von Dennis Köthur
Sprache: 🇩🇪 🇬🇧

Arendseebahn / „Arendsee-Express“

Eisenbahnstrecke Nummer 6901 von Salzwedel nach Geestgottberg über Arendsee

Beim Betrachten einer Eisenbahnkarte im Bereich der Altmark fällt sofort der einstige Eisenbahnknoten Arendsee auf —
bis in die 1970er Jahre konnte noch in drei Himmelsrichtungen gereist werden: mit Anschluss an die „Amerika-Linie“ in Salzwedel, dem Bahnknoten Stendal und der Industriestadt Wittenberge.
Der Fremdenverkehrsort Arendsee ist zudem durch das größte (natürliche) Gewässer Sachsen-Anhalts bekannt, sowie ein regionaler Mittelpunkt. Trotzdem sind seit dem Jahr 2004 gar keine Personenzüge mehr auf der "Arendsee-Express"-Trasse zwischen Salzwedel und Geestgottberg bzw. Wittenberge unterwegs. Die einstige Kleinbahn nach Stendal wurde bereits 1978 eingestellt und spätestens in den 1980er Jahren demontiert.
Eine bereits fertig geplante Bahnverbindung nach Schmarsau zur "LSE"-Trasse (Lüchow-Schmarsauer-Eisenbahn) kam auch nicht mehr zustande.

Zur Betriebszeit sind kaum Anekdoten bekannt, dies ist auch der relativ kurzen Betriebszeit geschuldet. Zum Bahnhof Riebau gibt es etwa den Bericht aus den fünfziger Jahren, das dort viele Leute zur Flucht über die "Grüne Grenze" in die BRD anreisten. Noch heutzutage sind Reste eines Zaunes zwischen Riebau und Mechau erhalten, der zusätzlich ab 1961 zum Grenzschutz errichtet wurde. Ein kleines Beobachtungshäuschen zur Streckenkontrolle im Bahnhof Binde-Kaulitz ist ebenfalls noch erhalten.
Die nur wenige Kilometer entfernt liegende ex DDR-Grenze brachte auch den Untergang des Riebauer Ortsteils Jahrsau, welcher in den 1970er Jahre zwangsumgesiedelt wurde. Das historische Rundlingsdorf wurde anschließend abgetragen, sodaß nur noch die gepflasterte Straße bis heute übrig blieb.

Obwohl schon lange vor dem Ersten Weltkrieg Planungen für diese insgesamt über 42 km lange Strecke konkret vorlagen, wurde diese letztendlich viel zu spät fertiggestellt. Die Kreisstadt Salzwedel erreichte bereits 1870 das stählernde Band und schon 1891 wurde in nördliche Richtung nach Dannenberg als "Jeetzeltalbahn", sowie ab 1899 mit der weiteren Strecke der "Altmärkischen Kleinbahn" nach Beetzendorf der Bahnknoten in südlicher Richtung ausgebaut.
Erste Bauarbeiten in Richtung Arendsee erfolgten erst gegen 1910, kamen jedoch kriegsbedingt zum erliegen. So bliebt der Torso jahrelang ungenutzt in der Landschaft, bis endlich im Jahre 1922 die Eröffnung möglich war. Der erste Sonderzug rollte am 03. Mai 1922 von Salzwedel nach Arendsee, denn die restlichen 20 km bis Geestgottberg wurden erst im Dezember 1922 freigegeben.
An den schönen Bahnhofsgebäuden ist das Baujahr ebenfalls zu erkennen, welche vor allem für den erhofften Güterverkehr - bis auf den Haltepunkt in Kläden - an allen Betriebsstellen errichtet wurden. Leider wurden die Erwartungen im Frachtverkehr eher nicht erfüllt und die abgelegene Lage der meisten Bahnhöfe sind für eine Wiederinbetriebnahme heutzutage ebenfalls ungeeignet.
Noch sind sämtliche Bahnhofsgebäude erhalten, doch teilt etwa der Bahnhof Groß Garz das selbe Schicksal wie das einstige Rittergut/Burg des Ortes, das es ruiniös ist und bald verschwunden seien wird. Auch der Bahnhof Ritze ist leider eine Ruine und wird ohne baldige Sanierung ebenfalls eine Wüstung.
Das kleine Wartehäuschen vom Haltepunkt Kläden (Kreis Osterburg) wurde bereits in der Wendezeit plattgemacht. Angeblich gab es nur ein Wartehäuschen, weil die anliegenden Bauern einen finanziellen Zuschuss zum Bahnhofsbau verweigerten und bei der ganzen Aktion keine Zukunft erkannten.

Die Reisezeit für die gesamte Strecke lag mit > 70 Minuten hoch und bis Ende der 1990er Jahre mit nur fünf Zugfahrten am Tag ein geringes Angebot. Auch die Umstellung auf neue Triebwagen (damals auf die Baureihe 642 von Siemens) und Taktverkehr erfolgte erst in den letzten Betriebsjahren.
Trotzdem könnte sich zumindest eine Reaktivierung für den Personenverkehr in der Relation Salzwedel – Arendsee anbieten, da der einstige Kreuzungsbahnhof Arendsee direkt im Ort liegt.

Gerade zusammen mit der noch gesichterten Trasse der einstigen "Drömlingbahn" nach Oebisfelde , wäre eine gefragte Verbindung in den Großraum Wolfsburg erschlossen.
Aktuell arbeitet die DRE (Deutsche Regional Eisenbahn) als Trassenpächter umfangreich an der Strecke und ggf. erfolgt auch durch diese in den nächsten Jahren eine Reaktivierung. So ist etwa die große Alandbrücke - bei Kläden - im Jahre 2019 saniert worden. Die nötige Gleissanierung wird derzeit durchgeführt, auch eine durch Schienendiebstahl entstandenen Gleislücke bei Harpe wird noch ersetzt.
Geprüft wird auch der seit 1995 eingestellte Güterverkehr, wobei es in dieser sehr ländlichen Region nur ganz wenige potenzielle Anschlußkunden an der Trasse gibt. Dazu zählt etwa ein Betonwerk oder das Gewerbegebiet in Mechau bzw. vom Arendsee Ortsteil Mechau.
In der Nachkriegszeit wurde sogar mal Braunkohle aus der Untertagebaugewinnung in Kläden abtransportiert. Aber bekannt ist der Bahnhof eher durch den dort umgeschlagenen Quarzsand aus dem "ATA-See", der von 1902 bis 1995 gefördert bzw. bis etwa 1992 mit der Bahn transportiert wurde. Dieser hochwertige Feinsand wurde später für die Produktion von "IMI"-Waschpulver oder "ATA"-Scheuermittel verwendet.
Ansonsten wurde insbesondere Holz und Dünger für die Landwirtschaft als Güter mit der Eisenbahn befördert, jedoch schon unter der starken Konkurrenz der LKW. Für die Frächter waren sämtliche Bahnanlagen mit einem Verladegleis ausgestattet.

Bereits im Jahr 2002, als der werktägliche Bahnverkehr bereits durch Omnibusse ersetzt wurde, gründete sich der zum 29. Januar 2003 eingetragene Verein Bündnis - "Die Bahn bleibt e.V." (www.streckenerhalt-altmarkt.de - Webseite seit dem Jahr 2017 nicht mehr aktiv) in Salzwedel. Geplant war nahezu das gesamte Streckenentz der Altmark zu retten. Mit vielen Aktionen erreichten die wenigen Mitglieder die Gleisanlagen der Arendseebahn in die heutige Zeit zu retten.
So folgten auch nach der Einstellung des Wochenendverkehr im Jahre 2004, mehrfach Sonderfahrten bis zur Streckensperrung. Auch in den Jahren nach der technischen Sperrung ab etwa 2009, veranstaltete der Verein zahlreiche Infoveranstaltungen oder Vegetationsfreischnitt-Arbeiten an der Strecke.

Im Februar 2020 gab es nach einer längeren Pause eine erneute Vereinssitzung in Arendsee, zusammen mit vielen Mitgliedern des Regionalverein vom Bahnkundenverband ergo des DBV Altmark/Wendland. Dem lokalem Aufruf waren mehr Gäste als erwartet gefolgt und es ist eine konzentration auf die Arendseebahn mit der Namensänderung in "Arendseebahn-Verein" geplant. Zudem soll möglichst schnell wieder Bahnverkehr auf der Strecke durch den Verein organisiert werden, entweder mit Hilfe weiterer Vereine und aktive Aufforderung an die Politik.

Nun ist die Bahnstrecke wieder in den Fokus der Anwohner gerückt, denn die Zeiten mit geringer ÖPNV Nachfrage wie Anfang 2000er Jahre sind vorbei. Seinerzeit gab es etwa im Jahre 2002 eine ganze Welle mit dreizehn Bahnstrecken in Sachsen-Anhalt, die auf den Omnibus umgestellt wurden. Sicherlich ist weiterhin die Eisenbahn ein Massenverkehrsmittel, welches nur mit vielen Reisenden wirtschaftlich betrieben werden kann. Aber ein ordentlicher Nahverkehr würde in heutiger Zeit auch wesentlich mehr Fahrgäste ansprechen, zumal nun eine schnelle Weiterreise ab Salzwedel oder Wittenberge möglich ist.

Streckenkarte

Bildergalerie

Vegetationsschnitt im Februar 2020 zwischen Ritze und Harpe

Trassen-Inspektion aus dem Jahr 2017 zwischen Geestgottberg und Arendsee

Bilder der einzelnen Bahnstationen

Fotos zur Stadt Arendsee und Umgebung sind unter Bildergalerie Stadt Arendsee ausgestellt.

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